Ich habe LESEN

Ich habe LESEN - Interview

Eigentlich wollte ich nur zur Toilette, doch irgendetwas gab mir das Gefühl, dass ich noch ein bisschen hier bleiben sollte...

Nach einigen Minuten im Wartezimmer wurde ich von Lady Bookosa in ihr Behandlungszimmer gerufen. Minutenlang saßen wir uns schweigend gegenüber. Schließlich hielt ich es nicht länger aus und ergriff das Wort:



Lady Bookosa nickte zufrieden und begann ein Gespräch.

1. Nun ist es raus, wie fühlst du dich?

Unglaublich! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll... Ich habe es so lange mit mir herumgetragen, jetzt fühle ich mich endlich frei.

2. Wann und wie hast du dich mit LESEN infiziert?

Oh, das ist schon so lange her... Ich denke, es ist passiert, als mir meine Oma mit 6 Jahren ein Buch namens „Puck, der Waldzwerg“ in die Hand gegeben hat. Sie hat mir erklärt, was die ganzen Buchstaben zu bedeuten haben. Seitdem komme ich nicht mehr davon los...

3. Wie geht dein persönliches Umfeld mit deiner Krankheit um und wer muss am meisten unter ihr leiden?

Meine Freunde gehen relativ locker damit um, bei einigen denke ich sogar, dass sie auch infiziert sind, meine Eltern sind allerdings sehr genervt deswegen, weil ich mir nur Bücher wünsche und fast ständig in Buchhandlungen zu finden bin. Am meisten leiden müssen daher sie und mein Geldbeutel.

4. Stehst du viel in Kontakt mit anderen Infizierten und nutzt Selbsthilfegruppen im Internet?

Wie schon gesagt, ich glaube, dass einige meiner Freunde auch infiziert sind, deshalb kann ich mit ihnen über LESEN reden, außerdem habe ich über LovelyBooks.de Kontakt zu anderen Infizierten.

5. Warst du schon auf den als Buchmessen getarnten Infiziertentreffen in Frankfurt und Leipzig und wie hat es dir dort gefallen?

Ja, ich war schon auf dem Infiziertentreffen in Frankfurt, und es war unglaublich. Die Menschen dort konnten mich alle so gut verstehen. Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder dorthin und auch nach Leipzig fahren kann.

Lady Bookosa unterbrach die Sitzung und warf einen Blick in ihre Kristallkugel. Bei der Betrachtung meiner Zukunft konnte sie sich ein Lächeln nicht verkneifen.

6. In deinem nächsten Leben wirst du in einem Roman wiedergeboren. Irgendwelche Wünsche?

Das ist eine schwierige Frage... Ich lasse mich überraschen.

7. Wir schreiben das Jahr 2163, die Welt liegt in Schutt und Asche. Die Menschheit wird nach dem Arche-Noah-Prinzip evakuiert. Welche zwei Autoren sollten gerettet werden?

George R. R. Martin und John Green hätten es wirklich verdient, aber auch Maggie Stiefvater, Rainbow Rowell, Maya Shepherd und viele andere sollten gerettet werden.

8. Unglaublich, aber wahr, auch DU wirst evakuiert. Du hast in der Bevölkerungs-Tombola zwei Tickets für die Reise zum Mars gewonnen. Wen nimmst du mit und vor allem wer darf am Fenster sitzen?

Ich würde natürlich meine beste Freundin Tessa mitnehmen! Und sie darf auch gerne am Fenster sitzen, wenn sie möchte ;-)

Aber das ist Zukunftsmusik. Lady Bookosa verdeckte die Kristallkugel und blickte mich ernst an.

9. Wie müsste - Stand heute - der Titel deiner Biografie lauten und welcher Schauspieler wäre die Idealbesetzung für die Verfilmung des Buchs?

Meine Biografie? Die würde sicher keiner lesen wollen.

10. Die Welt weiß nun, dass du LESEN hast. Was sollte sie sonst noch über dich wissen?

Es war gut, dass ich mich endlich geoutet habe. Ihr da draußen: Wenn ihr auch infiziert seid, dann traut euch, es allen zu sagen! Ihr seid etwas besonderes! Ich bin stolz auf mich, trotz LESEN. Seid auch stolz auf euch!

Lady Bookosa bedankte sich für das Gespräch und bat mich zur weiteren Behandlung in einen Nebenraum. Im Hinausgehen sah ich wie sie meine Akte zuklappte und einen Stempel auf den Einband donnerte.

INFIZIERT - Heilung ausgeschlossen!

http://influenza-bookosa.de/

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